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shēng shú

shēng shú · 生熟

Pu-Erh existiert in zwei fundamental unterschiedlichen Formen — als „roher“ *shēng chá* (生茶) und als „gereifter“ *shú chá* (熟茶).

Pu-Erh existiert in zwei fundamental unterschiedlichen Formen — als „roher“ shēng chá (生茶) und als „gereifter“ shú chá (熟茶). Die Grenze zwischen ihnen ist weder die Blattsorte noch die Region, sondern eine technologische Weggabelung, die 1973 endgültig Gestalt annahm, als man in der Teefabrik von Kunming das Verfahren der beschleunigten mikrobiellen Fermentation 渥堆 (wò duī) perfektionierte.

Gemeinsame Basis: 晒青毛茶

Um den Unterschied zwischen shēng und shú zu verstehen, muss man mit dem beginnen, was sie verbindet — dem Rohmaterial. Beide Arten werden aus ein und demselben Halbfertigprodukt hergestellt, das shài qīng máo chá (晒青毛茶) genannt wird, also „grober, sonnengetrockneter Tee“.

Die Produktionskette dafür sieht wie folgt aus: Frisches Blattgut der großblättrigen Yunnan-Varietät (云南大叶种) durchläuft die Fixierung 杀青 (shā qīng), dann das Rollen 揉捻 (róu niǎn) und schließlich die Trocknung an der Sonne 晒干 (shài gān).

Der entscheidende und am wenigsten offensichtliche Punkt hierbei ist das Fixierungsregime und die Art der Trocknung. Anders als bei grünem Tee, wo 杀青 bei hohen Temperaturen durchgeführt wird, um die Enzyme vollständig zu deaktivieren, erfolgt die Fixierung bei Pu-Erh bei niedrigen Temperaturen: Sie verlangsamt lediglich die Oxidation, bewahrt aber einen Teil der Enzyme und, was wichtiger ist, die natürliche Mikroflora des Blattes. Die Trocknung wiederum findet an der Sonne statt, nicht im Ofen (烘) und nicht in der heißen Pfanne (炒).

Genau dies macht 晒青毛茶 zur Basis von Pu-Erh. Ofen- oder Pfannentrocknung, wie bei grünem Tee, würde das mikrobielle und enzymatische Potenzial abtöten — und das Material könnte niemals Pu-Erh werden, egal wie lange es später lagert. Deshalb geht der Yunnan-Grüntee mit Sonnentrocknung nicht in den grünen Export-Bulk, sondern genau in die Pu-Erh-Produktion: In ihm ist die Fähigkeit zur weiteren Transformation angelegt.

Die Weggabelung: Natürliche Alterung oder 渥堆

Vom gemeinsamen Halbfertigprodukt aus trennen sich die Wege.

生茶 (roher Pu-Erh). Der Máochá wird gedämpft und zu Fladen (饼), Ziegeln (砖) oder Nestformen-Tuocha (沱) gepresst, wonach der Tee zur jahrelangen natürlichen Alterung in ein trockenes Lager (干仓) geht. Die mikrobielle und oxidative Transformation verläuft langsam und verändert den Geschmack allmählich von scharf und grün zu weich und tief. Dies ist das klassische Prinzip 越陈越香 — „je älter, desto aromatischer“.

熟茶 (gereifter Pu-Erh). Hier durchläuft der Máochá zunächst 渥堆 — den feuchten Haufen, in dem unter Beteiligung von Wasser, Wärme und Mikroorganismen (vor allem Schwarzschimmel 黑曲霉, Aspergillus niger) die Fermentation künstlich beschleunigt wird. Der Prozess dauert etwa 40 – 60 Tage, mit regelmäßigem Umsetzen des Haufens (翻堆) zur Kontrolle von Temperatur und Feuchtigkeit. Danach folgt eine Nachfermentation (后发酵), und erst dann wird der Tee gedämpft und gepresst. Das Ergebnis ist ein Tee, der jung trinkfertig ist, ohne lange Jahre der Reifung.

Anders ausgedrückt: shú chá ist der Versuch, in eineinhalb bis zwei Monaten das nachzubilden, wofür shēng chá Jahrzehnte braucht.

Warum die Revolution nötig war

Bis in die 1970er Jahre wurde der „gereifte“ Effekt nur auf zwei Wegen erreicht: entweder durch die natürliche Alterung von rohem Pu-Erh über viele Jahre hinweg oder durch das aggressivere „feuchte Lager“ (湿仓), das in Hongkong praktiziert wurde, wo hohe Luftfeuchtigkeit die Verwandlung beschleunigte. Beide Methoden waren langsam, schlecht kontrollierbar und in ihrem Ergebnis unvorhersehbar.

Der Markt — insbesondere in Hongkong und im Export — brauchte einen Tee, der sofort trinkbar war: weich, dunkel, ohne die grüne Schärfe jungen shēngs. Die Aufgabe bestand darin, zu lernen, ein „gereiftes“ Profil kontrolliert und schnell zu erzeugen.

1973: Die Geburt des 渥堆熟茶

Das Jahr 1973 war der Wendepunkt. In der Teefabrik Kunming (昆明茶厂) perfektionierte ein Team unter der Leitung von Wú Qǐyīng (吴启英) nach einer Reise in die Provinz Guangdong, wo man die Methode des Befeuchtens von Tee „发水“ anwandte, die Technologie des 渥堆 — die kontrollierte, beschleunigte mikrobielle Fermentation.

Dies war die eigentliche Revolution: Zum ersten Mal war „gereiftheit“ kein Ergebnis zufälliger Alterung mehr, sondern wurde zu einem reproduzierbaren Produktionsprozess.

Bereits bis 1975 erschien serienreifer Pu-Erh. Zwei Produkte wurden zu Standards:

  • 7572 — gereifter Fladen der Fabrik Menghai (勐海);
  • 7581 — gereifter Ziegel der Fabrik Kunming.

Damals etablierte sich auch das Markierungssystem 唛号 (mài hào) — Rezepturcodes, in denen das Jahr der Rezeptentwicklung, die Rohstoffsorte und die Fabriknummer verschlüsselt sind.

Eine besondere Figur in dieser Geschichte ist Zōu Bǐngliáng (邹炳良) aus der Fabrik Menghai, der für die technologische Normierung des 渥堆 als „Vater des gereiften Tees“ (熟茶之父) bezeichnet wird. Später, 1999, gründete er seine eigene Produktion 海湾/老同志.

销法沱: Ein Meilenstein für den Export

Parallel dazu öffnete die beschleunigte Fermentation dem Pu-Erh den Weg in den Westen. 1976 brachte die Fabrik Xiaguan (下关) das xiāo fǎ tuó (销法沱) heraus — ein gereiftes Tuocha, das auf den Export nach Frankreich ausgerichtet war. Dies war einer der ersten chinesischen Tees, der im Westen als „biologisch“ zertifiziert wurde.

Der Name bedeutet wörtlich „Tuocha für den Verkauf nach Frankreich“ und zementierte für dieses Produkt den Status eines Pioniers auf dem europäischen Markt.

Geschmack und Zubereitung

Der Unterschied in der Technologie schlägt sich direkt im Geschmack nieder.

Junger shēng — leuchtend, anregend, mit einer grünen und blumigen Note, spürbarer Bitterkeit (苦) und Adstringenz (涩), die sich mit den Jahren glätten. Gereifter shēng wird tief, mit Noten von Trockenfrüchten, Holz und einem Hauch von „altem Lagerhaus“.

熟茶 — ein dunkler Aufguss von kastanienroter oder fast schwarzer Färbung, weich und rund, mit erdigen, holzigen, manchmal nussigen und dattelartigen Tönen, ohne die Bitterkeit jungen, rohen Tees. Als Benchmark gilt das Profil 勐海味 — der „Geschmack von Menghai“, das zur Stimmgabel für das gesamte Segment wurde.

Gereifter Pu-Erh verzeiht kochendes Wasser und eine hohe Dosierung; er lässt sich bequem in Gaiwan oder einer Yixing-Kanne durch mehrere Aufgüsse zubereiten, wobei der erste, kurze Aufguss gewöhnlich zum Spülen des gepressten Blattes abgegossen wird.

Gegenwart

Heute ist shú chá ein Massensegment trinkfertigen Tees, der kein langes Warten erfordert. Auf seiner Basis erwuchs auch ein eigenes Genre — 柑普 / 小青柑: gereifter Pu-Erh in der Schale von gereifter Mandarinenschale aus Xinhui (新会陈皮), das in den 2010er Jahren einen Boom erlebte.

Wie man Sheng von Shu unterscheidet

  • Farbe des trockenen Blattes. Bei shēng — von grünlich-grau bis bräunlich mit zunehmendem Alter; bei shú — durchgehend dunkelbraun, fast schwarz.
  • Farbe des Aufgusses. Roher gibt einen goldgelben oder (mit Alterung) bernsteinfarbenen Aufguss; gereifter — einen satt rotbraunen, undurchsichtig-dunklen.
  • Geschmack. Bitterkeit, Adstringenz und frisches Grün deuten auf shēng hin; Weichheit, Erdigkeit und das Fehlen von Schärfe — auf shú.
  • Alter und Logik. Roher Pu-Erh wird für seine Fähigkeit geschätzt, über Jahre zu altern und sich zu verbessern; gereifter ist von Grund auf für sofortigen Genuss geschaffen.
  • Herkunft der Technologie. Jeder gereifte Pu-Erh ist ein Erbe des Jahres 1973: Ohne 渥堆 hätte es ihn schlichtweg nicht gegeben. Roher Pu-Erh hingegen ist in seiner Grundlage älter als das Industriezeitalter.

Die Hauptsache, die man im Kopf behalten sollte: shēng und shú sind nicht „jung und alt“ vom selben Tee, sondern zwei verschiedene Äste, die an einem Punkt des technologischen Prozesses auseinandergegangen sind. Und dieser Punkt ist der Haufen 渥堆, wie er 1973 in Kunming zur Perfektion gebracht wurde.